Haben und Sein

Auf der Suche nach etwas ganz anderen bin ich in alten Unterlagen auf einen ziemlich abenteuerlichen Text gestoßen, den ich vor über dreißig Jahren verfasst habe, nur für mich. Oder für die Schublade, wie man will. Es ist einer von mehreren Versuchen, ein Thema, das ich in immer neuen Variationen durchexerziert habe. Damals war ich auf der Suche nach meinem Dissertationsthema und offenbar in einer ziemlich apokalyptischen Grundstimmung, und wahrscheinlich schwimme ich damit im damaligen Zeitgeiststrom mit.

Vielleicht waren es diese Versuche, die mich zu der Assoziation mit dem >Sein und Haben veranlassten. Sie sind Ernst Blochs Anfangssatz in der Tübinger Einleitung zur Philosophie geschuldet: „Ich bin, aber ich habe mich nicht, darum werden wir erst.“

Ein Loch in Bloch

Wir sind also, und weil wir Sein immer nur als etwas sein denken können, sind wir etwas. Aber was? Diese Frage ist nur als Frage zu beantworten. Die Frage ist die Antwort. Wir lassen uns kein X für ein U vormachen. Du bist, ich fühle deine Gegenwart. Sie war eben bei uns. Wir werden erst. Wir empfinden es deutlich. Wir unterscheiden uns, du bist nicht ich, aber ohne euch wären wir niemals geworden. Der Konjunktiv ist der Modus der Philosophen. Unser Fragen nach unserem Sein stellt uns in Frage. Und da bleiben wir auch. Wir setzen Zeichen dieser Frage und ab und zu ein Ausrufezeichen. Hinter das man nur durch völligen Gedächtnisschwund zurück kann.

Kunstwerke sind komprimierte Fassungen der Frage- und Ausrufezeichen. Es gibt Kunstwerke der Form ?! und solche der Form !? Menschen hingegen haben keine Form, sonst wären wir uns nicht fraglich. Wir sind offen. Offenheit verträgt keine Form, Formlosigkeit verträgt allerdings auch keine Offenheit, weil dann alles abhaut. Wir sind aber und zu allem Überfluss manchmal gut in Form. Die sich selbst negiert, früher oder später.

Wir sind also und sind zugleich nicht, suchen die Rettung im Haben und sind, was wir haben. Haben tun wir Dinge oder Ideen, oder wir haben Dinge und Ideen, das ist das Beste, dann kann man etwas mit beiden anfangen. Fragen finden eine Antwort: ?! Aufgaben haben eine Lösung.

Und dann kommt jemand, der hat dieselben Dinge, aber andere Ideen, und macht aus den Dingen was ganz anderes. Es sind eigentlich auch nicht dieselben Dinge, denn Dinge haben die Form, die wir ihnen geben. Wir borgen also unsere Form von etwas, dem wir selbst die Form geben. Das beweist die Pluralität der Sichtweisen, aber auch der gesellschaftlichen Formationen, die sich entweder gegenseitig oder einseitig vernichten. Oder gar nicht. Das ist der interessanteste Fall. Jetzt beginnt die Mehrsichtigkeit der Dinge. Man kann sie so und so sehen, kann das und was anderes draus machen. Die Vielfalt der Formen ist eine Form der Formlosigkeit. Daher das Bemühen, Einheit zu finden, und, da das nicht geht, Einheit zu schaffen. Einheit ist ein Formschnittmuster, nach dem man die Welt zuschneidet. Man schneidet das Material ordentlich zu und näht die Teile aneinander, so wird ein Anzug daraus, man trägt Welt, je nach Mode.

Beim Zuschneiden fallen natürlich Schnipsel an, die kann ein Lumpensammler zum Flickschuster schleppen. Aus dem unscheinbaren Rest wird womöglich der allerletzte Schrei. Alle Welt wirft die Anzüge fort und probiert neue Fetzen. Das Bewusstsein klafft. Und wie immer wir es zu flicken suchen, die Fäden verschleißen, es kommt zu neuen Rissen.

Ordnung hat immer nur vorübergehend Bestand, aber deshalb verliert sie nicht ihre Berechtigung. Ordnung entsteht nicht und vergeht dann wieder, um einer neuen Ordnung Platz zu machen. Die Ordnung verändert sich vielmehr in sich ständig. In jeder Ordnung ist Platz für Unordnung, die Unordnung bietet Lücken, dahin verschiebt man Nichteinordenbares, wenn man Ordnung macht. Ordnung entsteht im Ordnen der Unordnung, und Unordnung ist definiert vom jeweiligen Begriff der Ordnung. Leben heißt ordnen, das sieht man schon daran, dass wir ein Organismus sind. Um unserer organischen Konstitution willen müssen wir uns ständig organisieren. Ordnung ist nicht das halbe, sondern das ganze Leben.

Kunstwerke sind ganz in Ordnung. Manche Menschen machen welche, andere haben welche, aber niemand ist eins: Der Mensch ist nicht in Ordnung.

Kunstwerke weisen über sich hinaus, aber sie gehen nicht aus sich heraus. Sie wirken, aber sie handeln nicht. Es gibt welche, die hat einer gemacht, der fragte nach einer möglichen Ordnung, fand sie und malte so ein Bild: ?! Andere stammen von Leuten, die fanden eine Ordnung vor und fanden sie nicht gut: !? Dann guckt so ein armer Gucker die Bilder an, die eine Ordnung ist nicht seine Ordnung, aber erkennt sie als Ordnung. Schön, schön. Aber das hat unser armer Gucker längst gewusst, kam er doch mit seiner Vorstellung von Ordnung bereits bei seiner Mutter nicht recht an. Das andere Bild, das, dass eine Ordnung in Frage stellt: gut. Schon gut. Aber es muss doch eine Ordnung geben, die alle anderen Ordnungen in sich begreift, die sozusagen Ordnung in den Ordnungen schafft. Nein, es gibt keine Ordnung der Ordnungen. Ein Wesen, das Ordnung machen muss, kann das natürlich nicht hinnehmen. Das endgültige Ordnungmachen gelingt ihm zum Glück nie. Es steht immer alles zur Disposition. Im Grunde ist natürlich nichts in Ordnung. Ordnung ist nur die Form, die uns zerbricht, wenn wir ihr nicht zuvorkommen.

Wir haben also nur, was wir uns denken. Wir denken, wir sind. Also haben wir uns. Wir sind aber nicht, was wir denken. Vielmehr hat uns das, was wir denken. Eine Musik ergreift uns, wenn wir sie hören. Ein Bild besetzt uns, wenn wir es sehen. Und wenn wir uns ein Bild von uns machen, haben wir es erst recht nicht. Dazu müssten wir uns sehen. Doch das Sehende kann sich nicht selbst sehen, wir können kein Bild von uns haben und es zugleich sein. Wir haben uns also abstrakt als etwas, das denkt, es sei. Wir fühlen, dass wir sind. Unser Denken fühlen wir nicht. Es denkt, es fühlt. Das Denken kann sich über Gefühle äußern, doch das Fühlen ist dem Denken wehrlos ausgliefert. Wir fühlen nicht, dass wir uns haben, denn wir haben uns nur, insofern wir denken. Zwischen „ich bin“ und „wir haben uns“ klafft ein gewaltiger Graben. Was Wunder, dass das Bewusstsein zerrissen ist! Wenn wir uns ein Bild von uns machen, dann versuchen wir das, was wir fühlen, in Einklang zu bringen mit dem, was wir von uns denken. Sein und Haben wollen gemeinsame Sache machen. Sein will Form und Haben will Sein und dabei geht das Sein aus dem Leim. Sein und Haben führen sich wechselweise an der Nase herum.

Wir sind also, was wir tun. Wir tun mehr als nötig wäre, weil wir das, was wir tun, immer schon vermittelt und mittelbar tun. Über Mittel erreichen wir unsere Zwecke, die Mittel ermitteln wir selbst. Unser erstes Mittel sind wir uns selbst. Nach einer Weile setzen wir uns selbst Zwecke. Dann sind wir rettungslos dem Relativismus verfallen. Ein Zweck ist so gut wie der andere.* Wenn wir uns zum Zweck werden, entsteht Chaos. Denn dazu müssten wir wissen, was wir sind, aber wenn wir etwas wären, bräuchten wir nichts aus uns zu machen. Wir machen uns, mit schlechtem Gewissen. Weil wir uns kaputtmachen: Schließlich sind wir die personifizierte Möglichkeit, indem wir uns verwirklichen, ist die Möglichkeit keine mehr. Wir mögen es nicht und vermögen es nicht anders. Wir sind unsere eigene Tragödie. Was könnte lächerlicher sein?

* Absolut gesetzt ein unhaltbarer oder zumindest moralisch verwerflicher Satz. Aber im Kontext, der Intention nach stimmt er, das denke ich nach wie vor.

Offenbach, 20.9.1987, gekürzt und redigiert in Berlin am 8.3.2018

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