Assoziationsaversion

Wie fremd kann man sich werden? Nie würde ich mich heute trauen, so artifiziell zu schreiben und schon gar nicht in einem Brief wie 1988:

Es hat keinen Sinn, eine widerwärtige Erfahrung nicht weiter zu beachten. Sie kehrt dann wieder, vergällt artig hundsgemein, kehrt wieder als Scham, verleugnet den Hausherrn, stößt zurück, schreit. Feinsinnig ergreift sie die Fäden und rauft dicke Knäuel, geballten Unsinn. Abartig alliteriert sie Gedächtnisfetzen; man nennt es gewöhnlich Assoziation, verbrämt schlichte Formgesetze tiefenpsychologisch und erhofft sich Aufschluss. Aber es ist gar nichts verschlossen, es braucht keine Schlüsse, dieser Wahn ist Resultat metaphorischen Denkens, verführt von Bildern der Machbarkeit.

Und doch bin ich damit immer noch einverstanden. Und merke, dass es dieser Spaß am Jonglieren mit Worten, dieses Interesse an Sprachakrobatik war, die mich auf Übersetzungsprojekte wie Ćosićs Tutoren vorbereiteten. In einem >meiner Anläufe, mit Blochs „Ich bin, aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst“ zurandezukommen, finde ich zwei Sätze, die in ganz ähnlicher Weise den Worten den Sinn im Mund herumdrehen:

Claire et distincte, so wollte Descartes die Philosophie, so hat er sie betrieben, und in der Sicherheit des Zweifels schwanden ihm die Sinne und erst Gott gab sie ihm wieder und er kam zu Wort. Er gab es und hielt, wo er sich versprach.

Das ist ungefähr zur selben Zeit entstanden. Der Text ist nicht datiert, aber er muss im Zuge meiner Suche nach einem Dissertationsthema entstanden sein – ich kreiste um die Frage, warum ausgerechnet mit der Abwendung von der Induktion (die von den Empfindungen ausgeht) bei den deutschen Idealisten (Hegel & Co.) die Ästhetik an Bedeutung gewinnt, während gleichzeitig der aisthesis aka Wahrnehmung philosophische Relevanz abgesprochen wird. Und dann habe ich das ausgerechnet an dem Vertreter der Schule herausgearbeitet, der keine Ästhetik verfasste und wohl auch nicht viel von ihr hielt …

1 Kommentar zu Assoziationsaversion

  1. „Und dann habe ich das ausgerechnet an dem Vertreter der Schule herausgearbeitet, der keine Ästhetik verfasste und wohl auch nicht viel von ihr hielt …“

    Und B hat, ums Gegenlesen gebeten, dieses mit dem Satz „Fichte ficht mich nicht an“ verweigert, was er heute noch bedauert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.