Bilder vom Übersetzen

Beim, soll ich es Fluchtblättern* nennen?, in Bora Ćosićs Razvoj kraljičinog gardista (Zagreb: h,d,p, 2015) bin ich über ein Gedicht gestolpert, das sich explizit mit dem Übersetzen befasst, und natürlich ist auch hier der Titel ein Problem, und natürlich nicht nur der Titel. Übersetzung heißt auf Serbisch prevod, prevodilačka ist die Adjektivbildung dazu, also übersetzerisch. Im Text ist jedoch von der prevodnica die Rede, und das ist eine Schleuse, lautlich und wahrscheinlich wie die Arbeit des Fährmanns im Deutschen auch in der Ursprungsbedeutung eng am Übersetzen dran, nur leider erkennt man auf Deutsch nicht mehr, dass sich prevodilačka genauso gut auf Schleuse beziehen kann wie auf Übersetzung. Aus dieser und der Überlegung heraus, dass Schleuser im Deutschen negativ belegt ist und de Übersetzes** allenthalben Verrat am Text vorgeworfen wird, habe ich einen radikal anderen Titel für das Gedicht gewählt. Mit freundlicher Genehmigung des Autors folgen Original und Übersetzung auf dem Fuß:

Prevodilačka
Onaj američki taxi [sic!]
kojim vozio se
njujorški pesnik Charles Simic
nije isti
u prevodu Enzensbergera
razlika je
u režimu saobraćaja
u širini ulice
i u gramatici
onda nastupa prevodnica
kao kad lađa menjajući kanal
za ležište u reci
pronalazi novi izraz
svoju novu prozodiju
pomoću čekrka
i drugih mudrih naprava
zato i svako vozilo
koje pređe Okean jezika
ima novog putnika
sa idejama dotle neviđenim

Schleuser
Das amerikanische Taxi
mit dem Charles Simic durch New York fuhr
ist in Enzensbergers Übersetzung
nicht dasselbe
der Unterschied liegt
in der Verkehrsführung
in der Straßenbreite
und in der Grammatik
dann kommt die Schleuse
durch die Lastkähne vom Kanal
in den Fluss wechseln
über Flaschenzüge und andre sinnreiche Mittel
neue Wörter laden
eine neue Prosodie
und bei jeder Passage
der Weiten der Sprache
einen neuen Fahrgast an Bord haben
mit unerhört neuen Ideen

* wie ich auf die Idee komme: siehe >hier.
** zum Warum des Regelverstoßes siehe >hier.

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