Sprache in der Mache

Arbeitsmaterial des Übersetzers ist Sprache. Die Feststellung klingt banal, doch bei näherer Betrachtung stecken in dieser Aussage mindestens drei Probleme.
1. Ist ein Wort wie „Arbeitsmaterial“ nicht wider den Geist der deutschen Sprache? Es klingt hölzern, es ist unanschaulich und ziemlich lang, prangt nach einer mir zumindest undurchschaubaren Regel mit einem Fugen-s und setzt sich aus einem seit dem 8. Jahrhundert belegten und aus wesentlich älteren Wurzeln gewachsenen althochdeutschen Wort und einem erst im 15. Jahrhundert eingeführten spätlateinischen Lehnwort zusammen, wobei Spätlatein eine niemals muttersprachlich gesprochene Sprache war, sondern eine sekundär im Zuge höherer Bildung erworbene Gelehrtendiktion, eine künstlich an europäischen Universitäten am Leben erhaltene lingua franca und damit in sich schon reichlich sperrig.
2. Kann man die männliche Form allein stehen lassen oder darf man nicht eher die weibliche nehmen und übersetzenden Männern zumuten, sich mitgemeint zu fühlen, wie Frauen das ja meistens müssen? Soll man sprachliche Klimmzüge veranstalten und den Text mit einem das Geschlecht verschleiernden Wort wie Übersetzende verunstalten? Was ist wichtiger – sprachliche Eleganz, gute Erfassbarkeit des Sinns oder zeitgemäße Ausdrucksweise knallhart gegen jahrhundertealte Sprachkonventionen setzen? Kürzer: Wie viele Kompromisse ist politische Korrektheit wert? Oder auch: Wie schnell bewegt sich der Tanker Sprache?
3. Ist Sprache hier als Oberbegriff oder ontologische Kategorie zu verstehen? Will heißen, ist das Arbeitsmaterial des Übersetzers die Sprache, oder sind es die jeweiligen Sprachen? Oder beides? Oder mehr? Und noch etwas schwingt mit: Warum sind Sprachen so beschaffen, dass sie sich übersetzen lassen? Sind sie alle Teil der einen Ursprache, von der der Mythos von Babylon erzählt, steckt in jeder von ihnen so etwas wie Sprache an sich, die sich in partikulären Einzelsprachen realisiert?
Sprache und Übersetzen sind niemals voraussetzungslos. Beide stehen nicht ein für allemal fest, sie verändern sich laufend, passen sich den im Wandel begriffenen Anforderungen an. So weit so schlicht. Nun wirken aber beide ihrerseits auf die Anforderungen ein, denen sie sich anpassen. Wir verändern uns und unsere Welt nicht zuletzt über Sprache, wir haben Einfluss auf sie. Einen verschwindend geringen, aber immerhin. Sprache und die Regeln, die für das Übersetzen gelten, sind wandelbar, sie unterliegen Zeitgeschmack und Moden und veränderten Ein- und Ansichten.
Sehr zum Leidwesen von Logikern wie dem frühen Wittgenstein oder des Wiener Kreises kann Sprache kein exaktes Abbild der Wirklichkeit sein, sie kann nicht ehernen Gesetzen folgen, weil sie sich dann nicht mehr verändern könnte. Weil Sprache ihrem Sinn und Zweck nach keine logische Stringenz zulässt, kann es keine exakte Übersetzung geben, nur Annäherungen, und die sind, behaupte ich, gerade dort produktiv, wo das Äquivalent niemandem in den Schoß fällt. Es ist für die Zielsprache die Chance, sich zu erneuern, egal ob sich die Erneuerung im Nano-Bereich bewegt oder ganze Denkweisen über den Haufen wirft.
Der Inhalt ist nicht das Problem. Kann sein, dass die Übersetzung mehr Platz, mehr Worte als der Ausgangstext braucht, dass sie ausholen und erklären muss, um den Inhalt darzustellen: das, was ein Text vordergründig mitteilt oder ein bestimmter Ausdruck bezeichnet, das kriegt man rüber. Rüberkriegen heißt aber noch nicht fasslich machen. Und darauf kommt es an.
Belletristik bringt mit sprachlichen Mitteln etwas auf den Punkt, was außerhalb der Sprache liegt. Das, was den literarischen Wert bestimmt, das Eigentliche, das, weswegen ein Buch, eine Erzählung, ein Essay die Übersetzung lohnt, erschöpft sich nicht in den Worten. Sowenig wie man bei Gemälden, Skultpuren, Musikstücken, Tanztheater oder Perfomances deren künstlerische Qualität in Worte fassen kann, sowenig kann man das paradoxerweise bei einem Sprachkunstwerk. Man bräuchte kein Kunstwerk, wenn man es direkt sagen könnte. Was an einem Roman relevant ist, was uns innerlich berührt, was etwas in uns auslöst, uns anregt, entzieht sich dem Ausdruck. Man kann sich nur in Umschreibungen und Gleichnissen darüber verständigen.
Wie kann etwas fasslich formuliert werden, was sich dem direkten sprachlichen Zugriff entzieht?
Indem man ausholt, umschreibt und erklärt, weder mit Worten noch Versuchen geizt, sondern sich auf der Ebene von Lexik, Syntax und Semantik so lange durchkämpft, bis man erfasst, was den künstlerischen Kern des Werks bildet. Ohne ihn verbalisieren zu wollen, weil nicht sein darf, was nicht sein kann. Die Nagelprobe, ob man diesen Kern wirklich erfasst hat, ist, dass sich aus dem zähen, amorphen Brei der Näherungsversuche wie von selbst die schlanke Gestalt des Wesentlichen erhebt. Auf einmal sind die übersetzerischen Entscheidungen ganz klar, man muss nicht mehr darum ringen, die Zweifel fallen ab – was nicht heißt, dass es einem leicht von der Hand ginge, Übersetzen ist und bleibt Knochenarbeit und Plackerei.
Das natürliche Ergebnis der Klarheit sind maximale Reduktion einerseits und der Mut zu ungewöhnlichen Lösungen andererseits. Alles, was dem künstlerischen Kern nicht dient, fliegt raus. Die typische Tätigkeit in der Zielgeraden einer Übersetzung ist Streichen, Streichen, Streichen. Man will und muss treffender formulieren, knapper fassen, pointierter sagen. Nicht unbedingt abgehackt, nicht kurz um jeden Preis: Manches braucht üppig fließende Wortkaskaden, Adjektivschwälle und gemächlich versickernde Nebensatzrinnsale. Die sprachliche Gestaltung ergibt sich aus dem Ton des Buchs und der wiederum aus dem künstlerischen Kern. Wenn man dieses Stadium erreicht hat, kann man seine Entscheidungen auch gut begründen und anderen erläutern. Das ist ein wichtiger Punkt, Übersetzen ist keine Angelegenheit nebulöser Bauchgefühle, auch wenn die im Arbeitsprozess eine wichtige Rolle spielen mögen, für die Abgabefassung sollte es nicht gelten.

Nota bene: Der Übersetzungsvorgang ist damit ausgesprochen idealisiert und zugespitzt charakterisiert. Die Gedanken hier entstanden anlässlich der Vice-versa-Werkstatt Deutsch-BKMS am EÜK in Straelen.

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