Gedanken zu Christa W.

Sie wurde zwei Jahre später geboren als meine Mutter (und hatte übrigens am selben Tag wie mein Vater Geburtstag), ist aber schon sechs Jahre tot. Solange sie lebte, interessierten mich ihre Bücher nicht. Ich habe nichts von ihr gelesen. Ich weiß, dass ihre Kassandra viele aufrüttelte, nicht nur in feministischen Kreisen. Ich wollte mir den Film Der geteilte Himmel ansehen, habe bald weitergezappt oder die Kiste ausgeschaltet. Anfang der 80er besuchte ich einen Volkshochschulkurs über DDR-Literatur, seit damals steht Nachdenken über Christa T. in meinem Regal. An das Buch – keine Erinnerung. Spur der Steine, Hermann Kants Aula, Strittmatters Laden, das habe ich mir gemerkt. Und den Vornamen des Dozenten: Lutz, ein Buchhändler und Literaturkenner aus Thüringen, ob geflohen oder ausgebürgert, ob er selbst schrieb oder „nur“ Bücher verkaufte – alles vergessen. Er kommt zusammen mit seinem Tucholsky-Buchladen beim Offenbacher Hauptbahnhof in Peter Kurzecks Stuhl, Tisch, Lampe vor, die Erzählung besitze ich als Hör-CD, geschenkt bekommen wohl wegen des Offenbach-Bezugs, ein Riesengeschenk, denn ich habe die CD, gelesen vom Autor, unzählige Male gehört, kenne den Text, zumindest den Anfang auswendig, nein, nicht aus Literaturbeflissenheit: wegen meiner Einschlaf-Probleme. Ich kann gut einschlafen, wenn ich vorgelesen bekomme. Es hat lange gedauert, bis ich den Anfang der Geschichte am Ende der CD erfuhr. Peter Kurzeck ist auch schon tot.

Tja, zum Einschlafen leihe ich mir in der Stadtbücherei immer wieder Hör-CDs aus und bin darüber an Christa Wolf Ein Tag im Jahr 1960-2000 geraten. Und bin fasziniert. Höre mich durch die Jahre. Die ersten vierzig Jahre meines Lebens. Christa Wolf schreibt kurz, lakonisch, packend, und sie kann lesen. Vielleicht hat mir ihre Stimme gefehlt, dieser markante Duktus, nicht immer konform mit der von Grammatik und Sitte vorgegebenen Satzmelodie, um mir ihre Bücher früher zu erschließen. Denn zumindest hineingeguckt werde ich damals ja wohl haben, in die Christa T., gelesen nicht (oder wenn, dann vollständig vergessen). Heute habe ich es nachgeholt. In einem Zug. Ein Sonntag auf dem Sofa. Abtauchen in eine Welt, mich einspinnen lassen von Sätzen, in Atem gehalten, gerührt von einem Leben, dessen frühes Ende direkt am Anfang benannt wird, als Grund zu schreiben. Ich las, und mein geistiges Ohr hörte, wie Christa Wolf es vorgelesen hätte.

Sie hätte es vielleicht verstanden, dass ich mich von ihren Aufzeichnungen in den Schlaf wiegen lasse. Ihre Stimme erzählt mir, immer wieder, über die Jahre verstreut, dass sie nicht einschlafen kann, schon beim Hinlegen spürte, dass sie lange wach liegen würde, dass sie in der Nacht lange nicht einschlafen konnte, dass Gerd sagt: Schlaf, armes Kind, und sie: Ich tu’s.

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