Typisch Sachbuchübersetzen

Zu den großen Unterschieden zwischen dem Übersetzen von Belletristik (wo eher die Gefahr lauert, auf nicht gekennzeichnete Zitate und Anspielungen hereinzufallen) und dem von Sachbüchern gehört das deutlich höhere und vor allem gehäufte Aufkommen wörtlicher Zitate im Text. Die haben die unangenehme Eigenart, dass sie der Übersetzerin finden muss, suchen reicht nicht. Vieles krieg ich übers Internet, aber längst nicht alles. Und da ich seit längerer Zeit mal wieder ein Sachbuch – Simon Ings: Stalin und die Wissenschaftler – übersetze, bin ich seit längerer Zeit mal wieder wegen Zitaten auf der Suche nach Literatur. Normalerweise kaufe ich mir die, weil das unterm Strich günstiger ist als der Zeitaufwand für den Bibliotheksbesuch. Ärgerlich nur, dass ich dann wegen zwei Zeilen Bücher im Regal stehen hat, die ich garantiert niemals lesen werde. Aber diesmal wird es mir zu teuer, so viele sind es und so abseitig einige der Titel, dass sie nur als bibliophile Schätzchen über den Ladentisch gehen.

Deswegen führte mich die Zitatsuche heute erstmalig in die Amerika-Gedenkbibliothek – der Marshall-Plan lässt grüßen. Ein Geschenk der USA im Kalten Krieg, geistiges Futter in Ergänzung zum Rosinenbomber, Meinungsfreiheit aufpäppeln, wahrscheinlich auch anstinken gegen die im sowjetischen Sektor gelandete, 1906 gegründete Stadtbibliothek Berlins. Nach der Wiedervereinigung wurden beide zusammengelegt zur Zentral- und Landesbibliothek, im Katalog des VÖBB unter dem Kürzel ZLB. An ihren Katalogen, in denen sich die Säuberungen von jeweils politisch untragbar erachteten oder gewordenen Büchern, Kriegsverluste, Schenkungen widerspiegeln, ließe sich die Geschichte Deutschlands erzählen. Aber ich will ja nicht selbst schreiben, sondern übersetzen.

Warten auf die Bereitstellung

Also auf nach Kreuzberg, nächstgelegene U-Bahn-Station ist Hallesches Tor, ich fahr aber mit dem Rad. Es ist Samstag (die Bibliothek hat Samstags auf!), emsige Betriebssamkeit, kaum ein Tisch frei, überall Laptops mit ihren meist jüngeren Besitzern dran, Bildschirme, die zur Ausstattung der Bibliothek gehören, Mitarbeiter-Inseln für Auskünfte, kleiner Cafébereich, Leseraum für aktuelle Zeitschriften und Zeitungen, im Untergeschoss Kinder- und Jugendbibliothek mit einem sehr kaffeepausengeeigneten Atrium, in dem ein Brunnen plätschert, Freitagmorgens kostenlos Tai Chi. Draußen scheint die Sonne, vom Grünstreifen am nahen Landwehrkanal weht der Duft von schwelender Holzkohle und Gebratenem herüber, Kreuzberg eben, türkische Großfamilien picknicken, Frauen ohne Kopftuch wenden am Grill Koteletts und Würstchen, mutmaßlich vom Lamm.

Für die Zeitreise in eine grausame Epoche, in Gulag und Scharaschkas, in die Hungersnöte und großen Kriege, zu Nuklearwaffenentwicklung und brachialer Umgestaltung der Natur brauche ich, wie gesagt, nicht gerade gängige Bücher, muss das meiste aus dem Magazin und einiges aus dem Außenmagazin bestellen. Auf Ersteres wartet man eine halbe Stunde, auf Letzteres bis zum nächsten Tag, ich werde benachrichtigt, ab wann die Sachen bereitstehen. Abgesehen von Laptops und dass ich mir die Zitatstellen mit dem Handy abfotografiere (keine Lust, mein Laptop mitzuschleppen …), statt sie abzuschreiben, fühle ich mich in Studententage versetzt. Irgendwer glaubt dann doch immer, dass alle Anwesenden seine Probleme mitkriegen müssen, dass der eigene Ärger wichtig genug ist, um alle in Hörweite aus ihren Dingen akustisch herauszureißen. Irgendwer hat dann doch gerade vergessen, wo er oder sie gerade ungedämpft und ausführlich über private Dinge spricht. Und alle sind im Weghören geübt.

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