Halb Hund, halb Mann

In Berlin – natürlich nicht nur in Berlin – gibt es wunderbare unabhängige engagierte Buchhandlungen, die sich ein treues Publikum erobern und mit viel, viel Freude Lesungen organisieren, obwohl sie dafür in aller Regel Überstunden schieben und den Laden halber umbauen müssen. Eine solche Buchhandlung ist Ferlemann und Schatzer in Wilmersdorf. Gestern stellte Karin Uttendörfer dort ihre Übersetzung von Entre les deux il n’y a rien vor, zusammen mit dem Autor des Originals, Mathieu Riboulet. Auf Deutsch heißt es Und dazwischen nichts, und wenn man erfährt, dass Riboulet lange Passagen in Alexandrinern verfasste – bleibt mir zumindest erst mal die Spucke weg, und blanke Hochachtung vor dieser übersetzerischen Leistung senkt sich in meine Seele.

Alexandriner übersetzen sich – naturgemäß – in eine stark rhythmisierte Prosa, erzeugen einen Sog, einen Drive, einen Text, vielleicht besser zu hören als zu lesen, mit dem Riboulet den Leser durch halb Europa treibt, Frankreich, Deutschland, Polen, Italien, eine atemvolle Jagd von der Ermordung Benno Ohnesorgs bis zur Ermordung Aldo Moros, Jagd, weil der Ich-Erzähler zu spät geboren wurde, um beim Aufbruch der 68er dabei zu sein (Arbeitstitel des Autors für sein Projekt: Eine europäische Jugend), Jagd, weil die gnadenlose Politisierung aller Lebensbereiche, die totalitäre Bewegungen den Menschen aufzwingen, Rückzugsmöglichkeiten versperrt, entweder oder, schwarz oder weiß, Freund oder Feind: Und dazwischen nichts.

Trio mit Wasserkaraffe: Karin Uttendörfer, Mathieu Riboulet und Herwart Ferlemann

Ansteckend ist so ein Abend, ja, ich will das Buch lesen, hab es mir gekauft, der Zwischentöne wegen, die es einfordert.

Anregend ist so ein Abend, es ist ja noch relativ ungewohnt, dass Übersetzer und Verfasser ihre Bücher gemeinsam vorstellen, dass Übersetzer als Person, als Urheber der anderssprachigen Ausgabe sichtbar werden und ihre Arbeit thematisieren. Der Autor wird zu seinen Motivationen und biografischen Anlässen gefragt, zu Vorbildern und Herkünften – was man Autoren fragen kann, liegt irgendwie auf der Hand, orientiert sich an den Inhalten des Buchs, an der Person.

Die Suche nach biografischen Parallelen fällt aus, was den Übersetzer betrifft, für die inhaltlichen Aspekte ist er nicht zuständig, und dass auch Übersetzer Vorbilder und Herkünfte haben, dass man ganz unterschiedlich übersetzen kann, dass es selbst unter Kollegen durchaus differente Vorstellungen von guten und schlechten Übersetzungen gibt, dass diese Vorstellungen im Zeitverlauf starken Wandlungen unterliegen, all das ist nicht im allgemeinen Bewusstsein verankert – welche Fragen könnte das Publikum Übersetzern stellen? Und umgekehrt: Wie können Übersetzer dem Publikum auf die Sprünge helfen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, ohne dass es als In-den-Vordergrund-Drängen empfunden wird, wenn sie die der eigenen Leistung gebührende Aufmerksamkeit beanspruchen? Und wie können sie, wie können wir unseren Lesern überhaupt eine derart schwer greifbare Kunst nahe bringen, deren Schwierigkeitsgrade Laien nicht erfassen?

Karin Uttendörfer hat mir einen Weg gezeigt. Die genaue Kenntnis des Textes, seine Durchleuchtung und Durchdringung, die nicht ausbleibt angesichts der kleinschrittigen Arbeit des Übersetzens, die gleichwohl den Bezug zum übergeordneten Ganzen nie verlieren darf, nicht zuletzt auch die innere Anteilnahme an dem Buch, das Mitgehen, ja, Mitgerissensein flossen ganz selbstverständlich in ihre Moderation des Abends ein. Einige der Fragen, die sich ihr anhand der Schwierigkeiten aufdrängten, diesen bestimmten Text ins Deutsche zu übertragen, stellte sie dem Autor und leuchtete damit sowohl wichtige Aspekte des Werks als auch das eigene Tun aus, warf Schlaglichter auf die Kreativität, die das Übersetzen von Literatur verlangt und so selten sichtbar wird. Und das alles mit extrem sympathischen und sehr gut in Schach gehaltenem Lampenfieber.

Am 12., 13. und 15. Juli 2017 bestreiten Mathieu Riboulet und Karin Uttendörfer weitere Lesungen: Im Prinz-Eisenherz-Buchladen, im Institut français und in der Buchhandlung Zadig. Da ließe sich dann auch herausfinden, wie dieser Blog-Eintrag zu seinem Titel kommt.

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