„Das mit Babel haben wir jetzt an der Backe“

Tag 2 in Wolfenbüttel: Workshop-Tag. Morgens drei Stunden, nachmittags drei Stunden. Abends: Preisverleihung und Party. Alle zwei Jahre wird der Hieronymus-Ring weitergereicht, ein Wanderpreis, den der/die Ausgezeichnete einem Kollegen, einer Kollegin der eigenen Wahl verleiht. Vor zwei Jahren bekam ihn Miriam Mandelkow von Frank Heibert, ich habe beider Reden als äußerst vergnüglich und kurzweilig in Erinnerung, heute Abend hält Miriam die Laudatio, ihre Wahl fiel auf Gabi Leupold, und wieder sind beider Reden purer Genuss. Überhaupt – das Klischee vom verdrucksten Literaturübersetzer, der vor lauter Liebe zur Literatur am liebsten unter dem Scheffel des Autors unsichtbar wird, das Licht der Öffentlichkeit scheut und vor Publikum linkisch und weitschweifig salbadert, es gehört in die Mottenkiste. Es hat noch nie gestimmt.

Laudatio

Miriam griff sich aus Gabrieles Übersetzungen einzelne Werke heraus, Schalamows „Erzählungen aus Kolyma“, Platonows „Baugrube“, Beljs „Petersburg“, unterfütterte ihre Wahl mit sachkundigem Blick, wie das nur Kollegen möglich ist. Die einzigen Übersetzerpreise, die meiner Meinung nach letztlich zählen, sind die, deren Jury mit Übersetzern besetzt ist. Möglichst ausschließlich mit Übersetzern.

Von Miriam stammt das Zitat im Titel dieses Beitrags, und es ist so wunderbar lakonisch, und ich war so bezaubert davon, dass ich den Kontext, wie sie das hergeleitet hat, nur noch lückenhaft, nein, gar nicht mehr rekonstruieren kann. Es war sehr elegant und düster, so viel weiß ich noch; es ging, glaube ich, um Schalamow, der einem noch die letzte Illusion über das Leben im Gulag raubt, eine schier unerträgliche Lektüre, wie viel unerträglicher noch für die Übersetzerin, die sich sehr lange, sehr intensiv mit dem Text befasste, sich alles inhaltlich sehr genau vorstellen musste, um es zu übertragen. So wird Übertragen zum Ertragen …

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