Boris Buden: Der Schacht von Babel (II)

Reprise von Teil I: Buden fahndet nach der gesellschaftlichen und politischen Rolle der Übersetzungsarbeit und ihrem emanzipatorischen Potenzial. Das bedeutet, da die traditionellen Übersetzungstheorien diese Dimension mit guten Gründen ausblenden, dass er sich der metaphorischen Verwendung des Begriffs zuwendet, nachdem er die Vereinnahmung der Übersetzung fürs nation building in der deutschen Romantik herausgearbeitet hat. Nun geht es ihm um die von Romantik und Übersetzungstheorie im engeren Sinn selbstverständlich vorausgesetzte Binarität des Übersetzungsvorgangs: hier ein unveränderliches fremdsprachiges Original, dort die dieses mehr oder weniger treu nachbildende Wiedergabe in der eigenen Sprache.

3. Der Untergang des Originalkomplexes

Vorlage wie Übersetzung sind nur im historischem Kontext möglich. Texte werden im Zeitverlauf unterschiedlich rezipiert, neu gelesen, anders verstanden, und auch die Sprache ändert sich. Eine Übersetzung bezieht sich also stets auf die zum Zeitpunkt der Übersetzung aktuelle, von historischen Zufällen bestimmte Rezeption eines Werks. Mit einer Übersetzung wird im übersetzten Text etwas gewürdigt, was in ihm angelegt ist und sich in der Übersetzung entfaltet – er wird erst durch eine Übersetzung zum Original.

Die inhaltliche Angezielte ist von der jeweiligen Sprache unabhängig, auch wenn keine es vollkommen ausdrücken kann – das könnte nur die Vereinigung aller Sprachen in einer leisten. Die Annäherung an die von allen Einzelsprachen befreite, eigentliche Sprache motiviert letztlich jede Übersetzung. Übersetzer übersetzen die Intention der Ausganssprache, nicht Worte und Sätze: Sie übersetzen, was sich nur in der Sprache aller Sprachen sagen ließe (das Eigentliche). Mit Sprache aller Sprachen ist keine allen Menschen gemeinsame, gleichsam vorbabylonische Einheitssprache gemeint, vielmehr ist allen Menschen die Kenntnis der stummen Sprache der Dinge gemein, für die jede Sprache dieser Welt andere Namen findet. Jede Sprache dieser Welt entspringt der Benennung, sie übersetzt die Materie ins Denken. Urbild dieser Übersetzungsleistung ist der Name Gottes, Gott gedacht als rein innersprachliches Phänomen. Jede Übersetzung trägt dieses Urbild in sich, weswegen sie die Ausdrucksweise der Ausgangssprache in die Intention der Sprache überhaupt rückbindet. Der Übersetzer sucht nicht nach binären Entsprechungen, sondern holt die Sprache aller Sprachen ins eigene Idiom heim. Dadurch werden Original wie Übersetzung als Splitter der Sprache aller Sprachen sichtbar. Die Übersetzung verstellt also nicht den Blick aufs Original, sie lässt es erstrahlen und schickt dessen Licht durch die eigene Sprache, wodurch sich diese weiterentwickelt und einer Sprache, die das Gemeinte nicht mehr ausdrückt, sondern das Gemeinte ist, einen µ näherkommt.

Die Treue, die die Übersetzung dem Original schuldet, bezieht sich auf das in ihm Gemeinte, nicht auf die konkrete Gestalt des Originals; wie sie das Gemeinte in die eigne Sprache transformiert und es deren Willen unterwirft, darin ist sie frei. Ebensowenig ist sie der Gesellschaft oder Nation verpflichtet.

Die Emanzipation vom Original ist damit nicht abgeschlossen.

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Arbeiten in meiner Wohnung auf Zeit: Erinnert mich irgendwie an das, was ich hier gerade tue …

Was sich übersetzen lässt, ist nicht vollkommen. Die Übersetzung nimmt einen Text auf der rein sprachlichen Ebene auseinander, sie zerstört ihn und gibt ihn entstellt wider. Denn kein Text ist ein Werk im Sinn eines abgeschlossenen Ganzen, Texte setzen sich aus unterschiedlichsten Bausteinen und Versatzstücken mit unterschiedlicher Halbwertzeit zusammen. Deswegen zerfällt ihr ohnehin fragiler innerer Zusammenhalt umso schneller, je älter sie werden.

Ob original oder übersetzt, Texte sind fixierte Momentaufnahmen ununterbrochener Veränderungen. Daher enthalten sie viele Schichten, gehören mehreren Spähren an, sind in sich widersprüchlich (so würde ich „differenziell“, S. 73, verstehen). Sie haben keinen abgeschlossenen Sinn. Insofern ist die Übersetzung autonom. Sie ersetzt, da ohne außersprachliche – materielle, historische oder gesellschaftliche – Bezüge, lediglich eine Bedeutungsvielfalt durch eine andere, bleibt ganz innersprachsprachlich (sic!) und bricht das in die eigene Sprache herunter. Eine Übersetzung in die Sprache aller Sprachen wäre das Ende aller Sprachen.

Das Original lebt in der Übersetzung, insofern ist die Übersetzung das Original. Und die Übersetzung ihrerseits ist übersetzbar in gesellschaftliche Antagonismen und historische Brüche.

Das ist das Bindeglied zum emanzipatorischen Potential der Übersetzung – Buden wendet sich dem erheblich weiteren Übersetzungsbegriff in der Psychoanalyse zu.

Der Analytiker hilft dem Patienten, sich seine Symptome zu übersetzen, etwa vermittels Traumdeutung. Was der Patient zunächst erzählt, erkennt er im Fall einer gelungenen Therapie im Nachhinein als Zerrbild, wenn nicht als Lüge: Wir belügen uns selbst, um zu schmerzhafte Erkenntnisse abzuwehren. Wenn die Therapie Übersetzungsarbeit leistet, was wäre dann ihr Original? Das verlogene Zerrbild, das der Patient erzählt, der Traum, in dem die Botschaft verschlüsselt enthalten ist, die Wahrheit, die hinter Zerrbild und Verschlüsselung steht und den Patienten zwingt, auf Lügen auszuweichen? Ist es am Ende das Original, das sich die Übersetzung verbittet? Muss der Patient deswegen den Analytiker als Dolmetsch bemühen?

Psychische Erkrankungen gehen – eine mögliche Interpretation – auf eine Sprachstörung zurück, eine misslungene Symbolisierung. Es werden Worte gelernt, die keinen Bezug zur Wirklichkeit haben, und umgekehrt bleiben Teile der Wirklichkeit aufgrund negativer sensomotorischer, gesellschaftlicher Erfahrungen ohne Benennung, drängen sich aber verbogen und klischeehaft ins Bewusstsein und verursachen die Symptome. Wird die Beziehung zwischen Ausdruck und Wirklichkeit wieder hergestellt, betrifft das nicht nur das Selbstverständnis des Patienten, er wird auch wieder Teil der Gemeinschaft.
Dies wird in der Therapie durch das Phänomen der Übertragung möglich, die den Zugang zur vorsprachlichen Phase wieder öffnet und Worte und Gefühle richtig zusammenbringt. Bislang Ausgeschlossenes wird in die Sprache integriert, die verdrängten Erfahrungen ins Bewusstsein geholt, d.h. übersetzt.

Menschliche Erfahrungen sind immer gesellschaftlich-kulturell vermittelt, es gibt keine unmittelbare, natürliche Erfahrung. Da sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern, sollte sich die Psychoanalyse als historisch bedingte Methode begreifen, weil sie nur dann ihre Konzeption historischen Veränderungen anpassen kann. Ihr emanzipatorisches Potential für die Gesellschaft entspringt einer methodischen Besonderheit, der Selbstreflexion, die sie als einzige Wissenschaft systematisch einsetzt. Denn nur was im Bewusstsein des Patienten ankommt, kann heilen. Das setzt eine Übersetzung des Unbewussten, Verdrängten in Bewusstes voraus. Durch die Therapie ändert der Patient sein Selbstbild und wie er über sich denkt. Er gibt bislang für unumstößlich gehaltene Annahmen auf, erkennt seinen Anteil an der Krankheit und kann diese Verantwortung für sich selbst dann auch tragen. Der Therapeut kann diese Vorgänge nur begleiten, wenn er sich selbst mit im Blick hat. Selbstreflexion hängt von der Kommunikation mit anderen und wechselseitiger Anerkennung ab. Diese Erfahrung tragen Patient wie Therapeut in die Gesellschaft hinein. Durch die Therapie wird die Persönlichkeit so gestärkt, dass man nicht mehr andere fürs eigene Leid verantwortlich macht und umgekehrt keinem Leid zufügen, niemanden ausnutzen muss. Das ist die Voraussetzung einer freien, emanzipierten Gesellschaft: Sie hat nur als Gemeinschaft selbstbewusster Individuen Bestand, die weder vor sich selbst noch vor anderen etwas zu verbergen haben.

(Tja, weiter bin ich nicht gekommen hier in Zagreb. Nicht mal bis Seite 100, also nur knapp die Hälfte statt das ganze Buch.)

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