Der Iwan

Übersetzen kann einen emotional retten. Man hat einen klaren Auftrag und eine trotzdem hochkreative Arbeit. Es ist eintönig und nie langweilig. Es erfordert so viel Konzentration, dass man keine Synapsen frei hat für eigene Probleme, man hat den Abgabetermin, der einen – Wunder über Wunder – zwingt, quälende Selbstbefragungen auszusetzen. Übersetzen schafft selbst in schweren persönlichen Krisen heilsame Ruhezonen, Anstrengung gleich Balsam.

Was Übersetzer untereinander so alles bereden. Ich sitze wieder im Kino Europa, wieder einem Buchmenschen gegenüber, der mit mehreren Berufen jongliert und viel unterwegs ist, physisch wie gedanklich. Er berichtet mir von einer Einladung zum Übersetzertreffen in San Francisco. In den USA hätten sich in den letzten Jahren viele Verlage gegründet, die ausschließlich Übersetzungen ins Programm nehmen und etwas bewegen wollen in einem Land, in dem der Marktanteil ausländischer Literatur bei 3 Prozent liegt. Ihm die Augen für die Welt da draußen („RoW“ = Rest of world) öffnen wollen. Hauptrednerin eine südkoreanische Autorin und Übersetzerin, Thema ihrer Ausführungen: Südkorea als US-Kolonie modernen Zuschnitts, die verkappte Kolonialmacht agiere über einheimische Handlanger, wenn sie beispielsweise eine demokratisch gewählte Regierung weggeputscht haben wolle. Ein Lichtschimmer, sagt mein Gesprächspartner, vielleicht, hofft, dass Trump nicht das letzte Wort haben wird, wenn ein Teil der amerikanischen Gesellschaft so vehement für das Fremde eintritt.

Ein Buch über Zagreber Bibliotheken hat er mit einem Coautor verfasst, motiviert auch von seinem familiären Hintergrund, Mutter und Großmutter Buchhändlerinnen, Großmutter und Großvater Übersetzer aus dem Slowenischen, wir fachsimpeln über Bistum und Erzbistum, bis ins 17. Jahrhundert waren Bücher ja überwiegend Sache der Kirche, und dann war da noch eine der in den 1930er Jahren ersten Büchereien speziell für Arbeiter, die Bücher wurden mit Bussen zu den Werktoren gefahren, damit die Leute beim Schichtwechsel sich was zum Lesen mitnehmen konnten. Damals sprachen noch sehr viele Zagreber Deutsch, viele dieser Bücher waren deutsche Bücher, Zagreber Arbeiter lasen ihren Marx im Original. Offiziell heißt die Radnička biblioteka heute Knjižnica Božidara Adžije, in sozialistischen Zeiten wurde sie 1961 in das Institut für die Geschichte der Arbeiterbewegung Kroatiens integriert, das von Franjo Tuđman gegründet und bis 1967 geleitet wurde. Immer wieder faszinierend, wie man über scheinbar gähnend langweilige Themen (Büchereien haben ja nun nicht gerade Sex-Appeal) zu verdammt spannenden Binnenbewegungen früherer Epochen kommt.

Eins noch, dann verrate ich, mit wem ich heute geredet habe: Seit Kroatien in der EU ist, verläuft unsere Außengrenze durch Ex-Jugoslawien (Slowenien war schon zu Jugo-Zeiten ein Sonderfall, dessen EU-Beitritt nicht so stark spürbar). Darunter leidet der Austausch mit den ehemaligen Schwesterrepubliken, zumal die Außengrenzen zunehmend abgeschottet und dicht gemacht und Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Mazedonien ihrem Elend überlassen werden. Putin reibt sich angesichts der traditionell guten Beziehungen zwischen christlich-orthodoxen Ländern die Hände, und die Desintegration der SFRJ wird zementiert, Kroatien hüben, die andern drüben.

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Ivan Sršen im Kino Europa

Ivan Sršen – Autor, Literaturagent, Übersetzer, Verleger – begann nach dem Studium bei einem der exjugoslawischen Dinausaurier der Verlagsbranche, die in Nachwendezeiten auf dem Altar der Privatisierung zwecks Finanzierung goldener Nasen ausgeweidet wurden, arbeitete eine Zeitlang freiberuflich, gründete 2007 Sandorf als Kleinverlag und Literaturagentur, überstand irgendwie die Anfangsjahre mit Wohnzimmer als Buchlager und Finanzkrise 2008 und Privatkrise und Zusammenbruch der hiesigen Vertriebswege (die drei großen Buchhandelshäuser haben unlängst fusioniert, da sie mit den großen Verlagen verbandelt sind, haben es alle anderen Häuser schwer) und kennt inzwischen sein Publikum, weiß, wen er mit seinen Büchern erreicht, bringt 20, 25 Titel jährlich raus. Wobei es nicht nur seine Bücher sind, es nie waren, er startete das Unternehmen mit einer Partnerin, heute hat der Verlag insgesamt fünf Beschäftigte, von denen jeder alles macht, flache Hierarchie und was sonst so in Start-ups üblich ist: never ending work-load …

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