Frakturen

Einen Band mit Erzählungen habe ich von Roman Simić übersetzt für Voland & Quist, Von all den unglaublichen Dingen, Erzählungen, die mit großer Kunstfertigkeit ganz schlicht geschrieben sind, keine literarischen Mätzchen, kein bisschen Angeben mit der eigenen Belesenheit und Avanciertheit, einfach nur genau beobachtet und auf den Punkt gebracht, wie unsere – europäische – Zeit tickt. Wie wir ticken. Wir haben uns schon zweimal getroffen, ich hab ihn in Bad Oeynhausen bei den Poetischen Quellen gedolmetscht, dann in Frankfurt während der Buchmesse gesehen, aber heute Abend das erste Mal ausführlicher ohne Mega-Geräuschkulisse und tausend Leute ringsrum. Und auf Kroatisch, kein Hin- und Hergehüpfe zwischen Sprachen. Ich weiß nicht, was entscheidender ist, um ins Gespräch zu kommen.

Ein Freund, Studien- und Schriftstellerkollege, einer, der wie er aus Zadar kommt, ist vor zwei Tagen an Krebs gestorben, zwischen Diagnose und Ende kaum ein Monat, er hinterlässt eine dreijährige Tochter und eine Frau, finanziell prekäre Verhältnisse, bei kroatischen Intellektuellen ist das wohl noch mal ne Ecke verschärfter als in Deutschland. Roman ist einer der Freunde, die sich um die ganzen Formalitäten kümmern, Beerdigung und was sonst so anfällt bei einem Todesfall, telefoniert deswegen während unseres Treffens. Ein Freundeskreis unter Schock, der Tod ist immer ein Fall ins Bodenlose, emotional. Organisatorisch, finanziell, auf allen möglichen Ebenen kann man Netze spannen. Emotional nicht.

Roman Simić
Roman Simić

Wir reden, sind mittendrin in den Brüchen, die in Biografien wohl unvermeidlich sind. Wir reden auch über die hiesige Verlagslandschaft und all die beruflichen Dinge. Romans Arbeitspensum ist heftig: Vollzeit-Lektor bei Fraktura, Halbzeit-Papa von zwei Kindern, seit 16 Jahren Leiter des europäischen Kurzgeschichtenfestivals, das jährlich in Zagreb und je einer weiteren kroatischen Stadt stattfindet, und obendrauf Schriftsteller, der mit seinen eigenen Werken da und dort eingeladen wird und sie zwischen fünf und sieben Uhr morgens schreibt … Wahnsinn! Wir reden zwei putzige kleine kugelbauchige Gläser (0,15l!) Craft-Bier vom Fass lang, die Zapfhähne werden mit Gehörn vom Rehbock bedient, hinter der Theke ein keine Ahnung 16-Ender-Hirschgeweih mit Shiva-Armen drumrum, alles sehr hipp, wir sind zwischen Kaptol und Gornji Grad im Ausgehviertel mit seinen zweisprachigen Speisekarten. Und ich muss meinen Eindruck vom letzten Besuch, dass nämlich in Zagreb die Bürgersteige nach Mitternacht hochgeklappt werden, korrigieren: Das wäre dann schon der zweite Laden, der bis zwei Uhr morgens aufhat. Nicht dass wir das ausgenutzt hätten – um halb acht entschwindet Roman zum nächsten Termin.

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